Dienstag, 24. April 2012

Zur Zeit


Die letzten Wochen in Orissa waren spannend. Wir leben zur Zeit in einem District, in den keine Ausländer mehr einreisen dürfen, und für den im Moment keine Visa ausgestellt werden. Wir dürfen nicht mehr auf die Dörfer fahren. Wir sollten nicht mehr alleine nach Semiliguda fahren. Wir sind auf dem Campus. Es blitzt und donnert, und regnet zur Zeit oft im Koraput District. Immer nach dem Mittagessen. Dann fällt auch der Strom aus. Heute soll er gar nicht mehr wiederkommen.
Die Maoisten haben im März zwei Italiener entführt, die in einer Gegend, in der viele Adivasis leben, eine Trekkingtour veranstaltet haben. Die beiden sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. Sie haben in der Zeit mit den Maoisten ordentlich abgenommen. Es gab da eben nur Reis und Dhal, ansonsten ist denen wohl aber nicht viel passiert. Für die beiden konnten die Maoisten die Frau eines Anführers freipressen. Zeitgleich wurde ein junger Politiker in unserer Nähe entführt. Er ist immer noch gefangen, für ihn konnten die Maoisten 13 Gefangene freipressen.
In der selben Zeit hat bei uns die Polizei vorbeigeschaut. Ein Herr ist mit dem Motorrad zu uns gefahren, um zu melden, ob wir Deutschen tatsächlich (noch) da sind. Die Meldung machte der Herr dann beim Polizeichef von Koraput, der uns am Telefon nochmal erklärt hat, dass wir nicht in die Dörfer fahren dürfen. Der Motorradmann hat kaum mit uns gesprochen. Er kam, sah uns, gab uns das Handy, und fuhr mit dem Handy wieder ab. Das ist schade, dass wir nicht in die Dörfer fahren dürfen.
Es ist eine eigenartige Situation.


Letzte Woche war hier ein dreitägiger Workshop eines Klimaschutznetzwerks, das Jugendliche motivieren möchte, sich für den Klimaschutz zu engagieren. Die Teilnehmer kamen aus ganz Indien. Und ich versuchte eines Abends, eine freiberufliche Copywriterin und einen Kastastrophenmanagement-Studenten dazu zu überreden eine Dokumentation von Werner Herzog mit uns zu schauen. Die Idee einen Film zu schauen hatten die beiden, aber die Kopie des Filmes, den sie zeigen wollten, war einfach zu schlecht. Abgefilmt von der Leinwand.
Es ist eine Herausforderung, Menschen nachts für eine Dokumentation über Forscher in der Antarktis zu überzeugen. Nach einer halben Stunde Abneigung konnte ich die Copywriterin für den Film gewinnen, da sie Werner Herzog tatsächlich kannte, nur mit der Deutschen Aussprache nichts anfangen konnte.
Wir schauten den Film und einige Male kamen Leute dazu, die auch Lust auf einen Film hatten. Nach der Erkenntnis, dass eine Dokumentation geguckt wird, sind sie schnell wieder verschwunden. Wenn man alleine einen Film schauen möchte, hat man mit dem Weg allen zu sagen, man schaue eine Dokumentation, anscheinend eine gute Chance.
Zwei Drittel des Films haben wir geschafft, danach war auch mit der Copywriterin und dem Kastastrophenmanagementstudenten Schluss, nachts um zwei. Sie waren müde, mussten am nächsten Tag um fünf aufstehen.
Der Workshop hat uns weitere Besuchseinladungen beschert. Nach Mumbai, nach Bangalore und nach Udaipur.

Wir haben Ostern jemanden besucht. Einen NRI (Non-resident Indian), der seine Familie in Indien besucht hat. Er ist schon vor vielen Jahren ausgewandert, und kam seit vier Jahren das erste Mal wieder in seine Stadt. Wir drei haben ihn kennengelernt, bevor wir nach Indien flogen, und so war es schön und verdammt komisch ihn hier in Indien zu treffen. Wenn man mit ihm durch seine Stadt geht, halten Autos an. „Hey Mann, du bist wieder da!“ Er ist bekannt in seiner Stadt. Er ist bekannt, weil er, als er so alt war wie wir jetzt, in den Westen ausgewandert ist. Das wünschen sich viele Jugendliche im Koraput District. „I want to go your German.“, wurde mir schon oft gesagt.
Er hat eine schwierige Rolle. Der nächste Satz nach „Hey Mann, du bist wieder da!“ war einige Male „You look like a foreigner now...You don’t speak like us...“ Er musste sich auf Indien genauso umstellen, wie wir, und hat das noch deutlicher umgesetzt. Er aß die ersten Tage nur Reis mit gekochtem Gemüse, kein Dal, keine Currys. Und er trank keinen Chai.
Eine Umstellung war es auch für seine Familie. Sie mussten ihr vier Jahre altes Bild von ihm durch den Sohn und Bruder im Jahr 2012 ersetzen.
Ich bin ihm sehr dankbar, dass wir Ostern mit seiner Familie und ihm feiern durften.
Bevor er auswanderte, gründete er eine Trompetergruppe, in die er besonders Jungs aus ärmeren Verhältnissen holte, viele davon Dalits (Unantastbare). Es war normal, dass ihr Platz in der Kirche die letzte Reihe war. In der Trompetengruppe zeigte er ihnen, dass sie vor allen Leuten stehen können, mit der Trompete.
Diese Gruppe macht jeden Ostersonntag eine Rallye durch die Stadt, bevor die Sonne aufgeht. Darauf war der Trompetengruppengründer schon ganz heiß. Er erzählte davon, wie groß die Rallye vor zehn Jahren war. Die Jungs haben richtig krach gemacht.
Am Ostersonntag standen wir um 3 Uhr morgens auf. Der Wecker war auf drei gestellt, aufgestanden sind wir dann um kurz vor vier. Im Halbschlaf reckte ich mich und fasste voll in den Deckerventilator. Das war laut und gab mir Schmerzen. Der Schlaf war vorbei. Irgendwie hatte es ein Hahn durch das Fenster geschafft. Es ist laut, wenn ein Hahn einem ins Ohr kräht. Er musste noch am selben Tag sterben. Er wurde geschlachtet, er war zu laut.
Auf den Straßen der Stadt war von der Trompetengruppe weit und breit nichts zu sehen. Wir liefen durch die Stadt, tranken einen Chai (er nahm keinen), an dem er schon vor zehn Jahren Kunde war. Er zeigte uns Geschäfte, die er noch von früher kannte, seinen früheren Friseur, sein altes College und erzählte uns von Bandenkriegen zwischen den Studenten der Wissenschaft und denen der Geisteswissenschaften. Er war auf der Seite der Wissenschaft.
Als wir an der Hauptstraße entlang gingen, kam ein Laster entgegen, auf seiner Ladefläche ein paar Leute mit Trompete. Sie fuhren an uns vorbei mit 40 km/h. Das war die Rallye, und der Anfang eines vollen, langen Tages. Ostern wird in Indien anders gefeiert, als in Deutschland.

Während in Deutschland die Kinder nach Überraschungen und Ostereiern suchen, wird unter den indischen Christen den Toten gedacht. Osterhasen gibt es hier keine. Die Menschen kommen am Morgen zum Friedhof, dort gibt es einen Gottesdienst, und jedes Grab wird mit Räucherstäbchen, Blumen und vielen Kerzen bedacht. Wir waren auch dort, und gedachten eines Familienmitglieds. Die Familie hatte ein Auto gemietet, und wir besuchten an dem Tag drei Friedhöfe und viele Dörfer, in denen Verwandte wohnten. Im Geburtsdorf des Auswanderers gab es Frühstück und er zeigte uns im Haus seiner Familie die exakte Stelle, an der er geboren wurde. Ich könnte nur auf einen Krankenhauskomplex verweisen. Wir begegneten vielen Mitgliedern seiner Familie, er erfuhr, dass er neue Neffen hat, und es gab überall reichlich zu essen. In einem Dorf haben wir ein Mangoerntedankfest gefeiert, Ostern ist der Beginn der Mangosaison. Es wurde ein großer Teller mit gewürfelten Mangos vorbereitet, und sein Schwager sprach ein Dankesgebet. Die Würfel waren gezuckert, die Mangos noch sauer und grün. In früheren Jahren waren sie zu Ostern schon süß. Saure Mangos sind auch lecker, man isst sie hier mit Zucker, Salz und Chilipulver.

Auf den Fahrten zwischen den Dörfern hörten wir unglaubliche Musik, die der engagierte Fahrer eingeschmissen hatte. Teils waren es Bollywoodsongs, die wir kannten, in einem Song, den ich nicht mehr vergesse, krähte ununterbrochen ein Hahn zu einem grauenhaften Technobeat. Der Hahn variierte seine Geschwindigkeit und zusammen mit dem Beat sorgte er für grandiose Unterhaltung. Die große Schwester des jungen Mannes, der uns seine Familie zeigte, bekam davon Kopfschmerzen. Das Mittagessen war eine große Sache, für die ein Koch engagiert wurde. Alle saßen zusammen und redeten. Wenn wir zum nächsten Dorf fuhren, war es immer witzig, wie der Schwager die Natur bestaunte und filmte. Für die anderen waren die Hügel und Reisfelder und Reisfelderhügel völlig normal, doch ihn brachte der Ausblick zum Staunen. „Woah, look at the scenery!“

Manche Male dauerte unser Besuch zehn Minuten, manchmal mehr als zwei Stunden.
Ein Gruppenfoto wurde fast immer gemacht, und Kekse wurden bei jedem Besuch angeboten. Zu unserem letzten Besuch kam ein starker Sturm auf, der Strom fiel aus, was eigentlich nichts Besonderes ist, allerdings dazu führte, dass alle zusammen in einem kleinen Raum bei Kerzenlicht zusammen saßen. Der Sturm führte dazu, dass unser Jeep auf dem Rückweg an einem Flusshang hängenblieb, und im Regen und Matsch hochgeschoben wurde.
Als wir wieder bei der Familie ankamen, wurde nochmal das Hahnlied angemacht, und der Hahn, der morgens so genervt hat, in essbare Portionen geteilt und gebraten. Ich hab davon nichts genommen. Ich bin es nicht gewohnt, Lebewesen zu essen, deren persönliche Eigenschaften ich kannte.

Kommentare:

  1. Hallo Freddy,
    oh man, das ist blöd, dass Ihr jetzt festhängt :-( Hoffe, das ändert sich bald wieder. Passt bloß schön auf Euch auf und haltet die Ohren steif, gell!! Und für die Zwischenzeit was zu lachen (ist schon etwas älter, aber ich hoffe, Du kennst es nocht nicht):
    http://www.youtube.com/watch?v=Rsvu5Sz8bTw
    Liebe Grüße aus dem verregneten Hamburg,
    Nicole

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    1. Hey Nicole,
      wir passen auf und auf uns wird ziemlich aufgepasst. ;) Die Situation hat sich schon wieder entspannt, zumindest für uns. Das Video gucke ich mir an, wenn mal wieder schnelles Internet habe. ;)
      Hier regnet es jeden Nachmittag. Mit irren Gewittern und Wetterleuchten und tollen Wolken.
      Liebe Grüße aus dem Pfeffer-Land
      Freddy

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  2. Wow muss ein tolles Ostern gewesen sein. Den Toten zu gedenken passt für mich viel besser zu Ostern als die ganze Kommerz-Schose im Westen. Ich hoffe, ich kann hier die Menschen so nah erleben, wie ihr das macht. Die Thais sind im Moment noch sehr auf Distanz zu mir, nehmen mich zwar mit, lassen mich dann aber nicht so richtig Teilhaben, was auch ein Sprachproblem ist.

    Ich hab letztens per Zufall ne Arte-Reportage über die Maoisten in Indien gesehen. Schwer bewaffnet und indoktriniert etcpp. Wie nehmt ihr die denn wahr? Dass ihr jetzt nicht mehr raus, bzw. wieder rein könnt ist doch seltsam, wo ihr jetzt schon über ein halbes Jahr da seid. Gibt's da auch keine Sondierung zwischen "Freund" und "Feind"?

    Liebe Grüße aus Thailand!
    Leo

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    1. Schön, dass du schreibst. Die Maoisten nehmen nur so war, als das wegen ihnen unsere Bewegung und Arbeit eingeschränkt wurde. Kennengelernt haben wir sie selbst nie. Einmal glaube ich welche gesehen zu haben. In weiter Entfernung. Wir hören viele Geschichten über sie. Dass sie gut sind, dass sie schlecht sind. Es war ein komisches Gefühl, vor einer Gefahr geschützt zu werden, die man überhaupt nicht kennt und nicht spürt. Da fühlt man sich eingesperrt. Aber in der Zeit war das vernünftig. Da war hier wohl viel los. Von der Arte-Doku habe ich gehört, kann ich hier mit dem Internet nicht gucken. Falls du dich dafür noch interessierst, solltest du diesen Artikel lesen. Geschrieben von einer Autorin, die eine Zeit mit den Maoisten verbringen konnte.
      www.outlookindia.com/article.aspx?264738

      Ich hoffe, dass das zwischen euch auftaut. Du bist ja erst seit kurzer Zeit da. Die freuen sich bestimmt, sich dir zu zeigen.

      Liebe Grüße aus Semiliguda
      Freddy

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  3. Hey Freddi!
    War schoen deinen Blog zu lesen, hat spass gemacht. Mein blog ist ziemlich inaktiv geworden...:) Hab neulich mit Mimi telefoniert, sie meinte du willst noch n Gapyear und Praktika machen? waer cool, wenn du mal anrufen wuerdest, dein Handy funktioniert ja iwie nicht :) Oder hast du ne neue nummer?
    Alles Liebe, hoffe euch gehts gut!
    Gabriel

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